Demenz und Sexualität
Demenz und Sexualität – ein Tabu in der Schweiz?
Warum ist Sexualität bei Demenz ein schwieriges Thema?
Demenz verändert das Leben der Betroffenen und ihres Umfelds tiefgreifend. Gedächtnisverlust, Persönlichkeitsveränderungen und ein zunehmender Verlust von Alltagskompetenzen prägen das Krankheitsbild. Doch Demenz löscht nicht automatisch das Bedürfnis nach Nähe, Zärtlichkeit und sexueller Intimität aus.
Vielmehr zeigen Studien, dass viele Menschen mit Demenz weiterhin ein starkes Bedürfnis nach Körperkontakt haben – sei es durch Umarmungen, Streicheleinheiten oder Sexualität. In der Schweiz wie auch international wird dieses Thema jedoch häufig tabuisiert. Angehörige, Pflegepersonal und selbst Fachpersonen sind oft verunsichert, wie sie mit entsprechenden Verhaltensweisen umgehen sollen.
Formen sexueller Ausdrucksweise bei Menschen mit Demenz
Die sexuelle Ausdrucksweise kann sich im Verlauf einer Demenz verändern. Manche Betroffene zeigen ein gesteigertes sexuelles Verhalten, das aus Sicht der Umgebung unangemessen erscheinen kann – etwa durch enthemmte Sprache oder Berührungen. Andere wiederum ziehen sich zurück oder verlieren das Interesse an Sexualität.
Laut der Schweizerischen Alzheimervereinigung erleben pflegende Angehörige und Fachpersonen solche Situationen oft als belastend, weil ihnen das Wissen fehlt, wie sie diese angemessen deuten und begleiten können. Wichtig ist hier eine differenzierte Sichtweise: Nicht jedes als „unangemessen“ empfundene Verhalten ist tatsächlich sexuell motiviert. Manchmal steckt einfach der Wunsch nach Nähe oder Trost dahinter.
Herausforderungen in Pflegeeinrichtungen
In Alters- und Pflegeheimen in der Schweiz stossen Themen wie Intimität und Sexualität bei Demenz häufig an institutionelle und gesellschaftliche Grenzen. Pflegekonzepte sind oft nicht ausreichend auf den Erhalt der sexuellen Selbstbestimmung ausgerichtet. Personal ist selten speziell dafür geschult, mit Situationen wie sexueller Aktivität unter Bewohnenden oder enthemmtem Verhalten umzugehen.
Hinzu kommt die rechtliche Dimension: Wenn ein Mensch mit fortgeschrittener Demenz eine sexuelle Beziehung eingeht – ist er oder sie überhaupt noch einwilligungsfähig? Die Frage nach der Einwilligungsfähigkeit ist komplex und wird in der Schweiz kontrovers diskutiert. Eine klare gesetzliche Regelung fehlt bisher. Laut Pro Senectute Schweiz braucht es hier dringend mehr Orientierungshilfen für Fachpersonen.
Die Rolle der Angehörigen
Für Partnerinnen und Partner von demenzkranken Menschen ist Sexualität oft ein sensibles Thema. Die Krankheit kann das gemeinsame Liebesleben grundlegend verändern. Während manche Paare neue Wege der Intimität finden, empfinden andere die Situation als belastend oder gar überfordernd – etwa wenn der demenzkranke Partner ein gesteigertes sexuelles Bedürfnis entwickelt oder sich anderen Personen zuwendet.
Auch hier gilt: Aufklärung und Kommunikation sind entscheidend. Angehörige brauchen Unterstützung, um mit diesen Veränderungen konstruktiv umgehen zu können. Fachberatungen, wie sie z.B. von Alzheimer Schweiz, Sexuelle Gesundheit Schweiz oder palliative.ch angeboten werden, leisten hier wertvolle Arbeit.
Ein Plädoyer für mehr Offenheit
Sexualität bei Demenz darf in der Schweiz kein Tabuthema bleiben. Es braucht einen offeneren gesellschaftlichen Diskurs und eine stärkere Verankerung des Themas in der Ausbildung von Pflege- und Gesundheitsfachpersonen. Pflegeinstitutionen sollten Konzepte entwickeln, die die sexuelle Selbstbestimmung von Menschen mit Demenz respektieren und gleichzeitig einen verantwortungsvollen Rahmen bieten.
Ein positives Beispiel liefert das Alterszentrum St. Anna in Luzern, das ein Pilotprojekt zur sexuellen Gesundheit im Alter lanciert hat. Dabei werden nicht nur die Bewohnenden, sondern auch Angehörige und Mitarbeitende sensibilisiert und geschult. Solche Ansätze zeigen, dass ein respektvoller Umgang mit Sexualität im Pflegekontext möglich ist – wenn man bereit ist, hinzuschauen und zu handeln.
Empfehlungen für den Umgang mit Sexualität bei Demenz
- Wertfreie Haltung einnehmen: Sexualität ist ein menschliches Bedürfnis, unabhängig von Alter oder kognitiver Fähigkeit.
- Aufklärung fördern: Betreuungspersonal, Angehörige und Betroffene sollten Zugang zu verständlichen Informationen erhalten.
- Grenzen achten: Jede Form von Intimität darf nur im Rahmen der Einwilligungsfähigkeit und unter Wahrung der Würde stattfinden.
- Institutionelle Konzepte entwickeln: Pflegeeinrichtungen sollten Leitlinien und Handlungsempfehlungen zum Thema Sexualität implementieren.
- Beratung nutzen: Fachstellen wie Sexuelle Gesundheit Schweiz, Pro Senectute oder die Schweizerische Alzheimervereinigung bieten Unterstützung.
Menschlichkeit in den Mittelpunkt stellen
Menschen mit Demenz verlieren viele Fähigkeiten – aber nicht ihre Menschlichkeit. Dazu gehört auch das Bedürfnis nach Nähe, Liebe und Sexualität. Die Schweiz steht in der Verantwortung, diesem Thema mehr Raum zu geben. Nur mit Offenheit, Wissen und einem wertschätzenden Umgang können wir sicherstellen, dass auch Menschen mit Demenz ein würdevolles und selbstbestimmtes Leben führen können – inklusive ihrer Sexualität.
Haben Sie Fragen oder möchten sich vertieft mit dem Thema Demenz und Sexualität auseinandersetzen?
Besuchen Sie die Website der Schweizerischen Alzheimervereinigung oder wenden Sie sich an eine Beratungsstelle in Ihrer Region. Teilen Sie diesen Beitrag gerne mit Personen, für die das Thema ebenfalls relevant sein könnte – denn Aufklärung beginnt im Gespräch.